Broschuere zum Projekt Empowerment von Frauen und Mädchen durch Integration und Extremismusprävention

Viele Geflüchtete (z.B. AfghanInnen, SomalierInnen) stammen aus Gesellschaften, die sich bereits seit Jahrzehnten im Krieg oder in einem kriegsähnlichen Zustand befinden. Nicht wenige leben seit Generationen in Nachbarstaaten in Lagern (z.B. PalästinenserInnen in Syrien), die nie als Dauerlösung gedacht waren, in einer Art endlosem Ausnahmezustand. Geflüchtete jeglichen Geschlechts haben unter solchen Bedingungen kaum gesellschaftliche oder politische Teilhabe erlebt. Für viele Frauen und Mädchen kommt jedoch hinzu, dass sie sich als schwach und untergeordnet erfahren und diese Erfahrung mitunter als Teil einer legitimen Ordnung sehen. Manche Frauen haben nie gelernt, eigenständige Subjekte zu sein und definieren sich allein durch ihre Familie. Über eigene Rechte und Chancen nachzudenken, geschweige denn sie nach außen geltend zu machen, erscheint vielen als eine Regelverletzung. In dieser Haltung, die vielfach in Familien weitergegeben wird, liegt ein erhebliches Integrationshindernis und zugleich ein Nährboden für extremistische Tendenzen. Handlungsbedarf besteht somit auf vier Ebenen:

1. Für die Teilhabe an einer demokratischen Gesellschaft müssen unabhängig vom Geschlecht Grundlagen geschaffen werden. Nicht nur sind staatliche Institutionen sowie Begriffe wie Menschenwürde, Gleichberechtigung oder Religionsfreiheit vielen unbekannt oder bleiben ohne Bezug auf die eigene Lebenswirklichkeit. Menschen, die aus einem endlosen Ausnahmezustand kommen, haben selbst basale Vorstellungen wie Rechtsordnung, diesseitiges Leben, gesellschaftliche Pflicht, Verantwortung oder Toleranz zu erlernen.

2. Patriarchale und religiöse Muster, die im Ausnahmezustand Halt gaben, müssen zur Sprache gebracht, mit Blick auf die neue Lebenssituation in Deutschland, diskutiert und nötigenfalls hinterfragt werden. Andernfalls bleiben diese Muster die selbstverständliche Ordnung, auf die sich viele Männer und Frauen angesichts der Schwierigkeiten und Anforderungen des Lebens in einem neuen Land zurückziehen und die für sie gleichbedeutend mit dem Schutzraum der Familie ist.

3. Vor allem für die Frauen und Mädchen bedeutet das eine Herausforderung. Die eigene Situation und eigene Probleme zu benennen, steht in den Augen vieler von ihnen bereits im Widerspruch zur traditionellen Ordnung. Um die Möglichkeiten einer individuellen Lebensführung und Teilhabe zu bewerten, fehlt manchen schon die Vorstellung von sich selbst als Individuum mit einer eigenen Identität. Hier sind gut informierte und behutsame Maßnahmen zur Stärkung des Selbstbewusstseins und der Erfahrung politischer Selbstwirksamkeit unabdingbar.

4. MultiplikatorInnen und Entscheidungstragende, die Arbeit mit Bezug auf Geflüchtete leisten, müssen über die spezielle Sozialisation dieser Gruppen und ihre besonderen Bedarfe gezielt informiert werden, um möglichst rasch und nachhaltig durch politische Bildung eine Integration zu erzielen, die eine selbstbestimmte Partizipation an der Gesellschaft möglich macht.

Unsere Angebote mit verschiedenen Inhalten und zeitlichen Formaten sollen dabei helfen, neue Erfahrungen zu machen, sich selbst und andere kennenzulernen und dadurch in der deutschen Gesellschaft anzukommen und einen eigenen Platz für ein gelungenes Leben zu finden.

Die Frauen und Mädchen sollen nicht nur Wissen erwerben, sondern eine eigene Haltung zu diesem Wissen entwickeln, ihre Vergangenheit verarbeiten und eigene Fragen stellen. In dieser Weise nachhaltig begleitet sollen sie lernen, eine eigenständige Persönlichkeit zu entwickeln. Es sollen Möglichkeiten zum selbstbestimmten Leben in einer Vielfaltsgesellschaft und zur Partizipation an dieser Gesellschaft gezeigt werden. „Empowerment“ bildet somit den Kern der Zielsetzung. Zugleich sollen Frauen und Mädchen über ihre oft tragenden Rollen in den Familien ihrerseits als Multiplikatorinnen wirken.

Eine Besonderheit in der Herangehensweise liegt in der Kombination eines „sozialisationssensiblen“ Ansatzes (d.h. eines Ansatzes, der die individuelle und gruppenbezogene Sozialisation als ein Schlüsselelement einbezieht) mit flexiblen Formaten, die sich strukturell und inhaltlich am Bedarf der jeweiligen Individuen oder Gruppen ausrichten. Was beide Komponenten verbindet ist der Grundgedanke, dass eine effektive und nachhaltige Kommunikation, die Vermittlung von Wissen und Bildung eingeschlossen, zu gleichen Teilen von der Produzentenseite und von der Adressatenseite getragen wird. Bei problematischen Lebensgeschichten und großen kulturellen Abständen wird besonders deutlich, dass man die Adressaten dort „abholen“ muss, wo sie gegenwärtig stehen. Der Ansatz dient den folgenden Zielen:

  • Vermittlung von Grundlagen einer demokratischen Vielfaltsgesellschaft,
  • Reflexion von Denk- und Handlungsmustern aus dem Herkunftsland,
  • weibliches Empowerment,

Sensibilisierung von MultiplikatorInnen für die Rolle der Sozialisation von Frauen und Mädchen aus der Fokusgruppe.

Das Projekt “Empowerment von Frauen und Mädchen durch Integration und Extremismusprävention” wird durch das Land Hessen im Rahmen des Landesprogramms “Hessen Aktiv für Demokratie und gegen Extremismus” gefördert.