Broschuere zum Projekt Zukunftssichere Extremismusprävention durch Bildung in Hessen

Deutschland ist eine Einwanderungsgesellschaft und wird es auch in Zukunft bis auf Weiteres bleiben. Eine solche Gesellschaft steht vor besonderen Herausforderungen, vor allem dann, wenn sie Integrationsbereitschaft einfordert. Um Integration zu ermöglichen und zu fördern, müssen wir uns auch mit den jeweiligen Biografien der Einwandernden beschäftigen.

Am Anfang des 21. Jahrhunderts haben wir es nicht einfach nur mit Menschen tun, die aus ihren Herkunftsländern auswandern, sondern auch mit Geflüchteten, die als Folge von Jahrzehnte andauernden Kriegs- und Krisensituationen aus instabilen und desozialisierten Welten zu uns kommen. Um die Lebenswelten zu verstehen, in denen diese Menschen aufgewachsen sind, muss die hiesige Gesellschaft aufgeklärt werden. Nur so können wir einen Ansatz für Integration finden.

Darin liegt zugleich die Chance, ein positives und wertvolles Potential für die Gesellschaft, für die Geflüchteten und für Deutschland zu erkennen. Wenn wir diese Chance nutzen wollen, brauchen wir Angebote und Räume für den Austausch. Hier kann Verständnis für Strukturen und Werte einer Demokratie geweckt werden, hier können sich Menschen mit der eigenen Sozialisation und der Lage Anderer auseinandersetzen, hier soll Vertrauen in die neue Gesellschaft wachsen.

Themen, die auch innerhalb der deutschen Gesellschaft weiter diskutiert werden müssen, wie etwa die Gleichberechtigung der Geschlechter, sexuelle Diversität, Gewalt, Rassismus und Antisemitismus, setzen zu ihrem Verständnis eine Haltung voraus, in der wir tradierte Vorstellungen in Frage stellen und uns eigene, emanzipierte Werte erarbeiten können. Dabei ist es im Fall jugendlicher Geflüchteter mit Kriegs- und Gewalterfahrungen, z.B. aus Afghanistan, Somalia und Pakistan, besonders wichtig, ihre spezielle Situation zu beachten. Besonders bei Jugendlichen, die durch Radikalisierung gefährdet sind, müssen wir die individuelle Vergangenheit einbeziehen und auf Verbindungen zu Gruppen achten, die Jugendliche rekrutieren wollen.

Inklusion und Teilhabe bedingen sich gegenseitig. Unsere Angebote sind offen und niedrigschwellig, um möglichst viele zu erreichen.

Wir wollen begleiteten und unbegleiteten minderjährigen Jugendlichen die Möglichkeit anbieten, nicht nur Wissen zu erwerben, sondern auch eine eigene Haltung dazu zu entwickeln; sie sollen lernen, sich selbst auszuprobieren, ihre negativ behaftete Vergangenheit zu verarbeiten und Fragen zu stellen. Wichtig sind dabei ein respektvoller Umgang und eine Beziehungsarbeit, die den Anderen anerkennt und wertschätzt, ohne die eigene Haltung zu verlieren. Wer auf Augenhöhe ansprechbar bleibt, bereitet den Boden für ein Vertrauen, in dem die Jugendlichen sich öffnen und die eigene Persönlichkeit entwickeln können. Wir schaffen und gestalten Räume zur Identitätsbildung und für ein religiöses und soziales Lernen.

Unsere Angebote sollen dabei helfen, in verschiedenen inhaltlichen und zeitlichen Formaten Erfahrungen zu machen, sich selbst und andere kennenzulernen und dadurch in dieser Gesellschaft anzukommen und einen eigenen Platz für ein gelungenes Leben mit einer positiven Zukunftsperspektive zu finden.

Trotz alledem besteht zugleich die Bedrohung durch radikale Einflüsse in veränderter Form fort. Zu dieser Problemlage sind bislang nur wenig Erkenntnisse vorhanden. Damit besteht Handlungsbedarf auf zwei Ebenen:

1. Sensibilisierung: Viele MitarbeiterInnen in Jugendämtern, Jugendeinrichtungen und Gemeinschaftsunterkünften sind für die spezielle Sozialisation und Vergangenheit der jungen Geflüchteten noch nicht ausreichend sensibilisiert. Sie benötigen stärker fokussierte Kenntnisse und Fertigkeiten, um durch ihr pädagogisches Handeln dieser schwierigen Klientel Halt zu geben und produktiv als MultiplikatorInnen zu dienen. Hinzu kommen bei jungen Erwachsenen Institutionen wie Jobcenter und Sozialämter, denen jene Klientel und ihr Hintergrund oft unbekannt sind.

2. Bildung: Viele der jungen Geflüchteten sind aufgrund ihrer Sozialisation und mangelnder Kenntnisse überfordert, wenn sie auf die Strukturen, Institutionen und Werte der deutschen Gesellschaft treffen. Sie neigen in diesem Fall dazu, gewohnte Verhaltensweisen und Denkmuster, die sich in ihrem Herkunftsland bewährt haben, unverändert auf die neue Situation zu übertragen. Hier ist gezielt Bildung zu vermitteln, die den Jugendlichen die Augen für die neue Situation in Deutschland öffnet und alte Muster in Frage stellt.

Unsere Angebote gestalten sich erlebnispädagogisch und in Peer-Group-Gesprächen. Junge Geflüchtete erleben Inhalte aus verschiedenen Themenkomplexen (Demokratie, Gleichberechtigung, Religion und Ethik, Flora und Fauna) durch praktische Unternehmungen wie z.B. Ausflüge zu historisch oder kulturell bedeutsamen Orten und setzen sich in Gruppengesprächen mit dem Erfahrenen auseinander.

Wir bieten außerdem an:

  • sozialisationssensible Fortbildungen für SozialarbeiterInnen in Jugendeinrichtungen,
  • Fortbildungen für MultiplikatorInnen,
  • Einzelfallbetreuung von Jugendlichen,
  • Vermittlung zwischen SozialarbeiterInnen und Jugendlichen.

Unser Ziel ist es, ein Vertrauensverhältnis zwischen den Parteien aufzubauen, das auf gegenseitigem Verständnis und Respekt gründet. Dafür ist es unabdingbar, „sozialisationssensibel“ zu arbeiten.

Das Projekt “Zukunftssichere Extremismusprävention durch Bildung in Hessen” wird durch das Land Hessen im Rahmen des Landesprogramms “Hessen Aktiv für Demokratie und gegen Extremismus” gefördert.